Vom Reichstag zum Bundestag in Berlin
 
 

Berlin und die neue Staatlichkeit in Deutschland 1945 bis 1949
 

Nach dem Einzug der westlichen Alliierten lag das zerstörte Reichstagsgebäude im britischen Sektor der Viersektorenstadt (Mi Berlin 45, 53).

Am 23. Juni 1948 ordnete die Sowjetische Militäradministration für Deutschland (SMAD) für die Sowjetische Besatzungszone und Groß-Berlin eine Währungsreform an, die ab 24. Juni 1948 umgesetzt wurde. Als Notmaßnahme wurde verfügt, dass Marken des Alliierten Kontrollrats mit dem Bezirksstempel überdruckt werden sollten. Die Ziffernwerte zu 3, 4 und 42 Pf sind bisher nicht belegt. Marken in RM konnten zu einem 1/10 ihres Nennwertes bis zum 31. Juli 1948 aufgebraucht werden.

Nach einer Meldung von ADN war infolge einer „technischen Störung“ die Transportverwaltung der Sowjetischen Besatzungszone gezwungen, den Eisenbahnverkehr auf der Strecke Helmstedt – Berlin in beiden Richtungen einzustellen. In der gleichen Nacht wurde von der Sowjetischen Militärverwaltung der Befehl erteilt, die Stromlieferungen in die Westsektoren einzustellen, was auch für alle Lebensmittellieferungen aus der Sowjetischen Besatzungszone galt.

Von den Postämtern in den Westsektoren wurden vom 24. Juni bis 19. September 1948 gegen DM (Ost) die Dauermarken „Posthörnchen zwischen Bandleisten und netzartig“ (Mi Bi-Zone 36-51 I/II) abgegeben, mit denen jedoch keine Sendungen in den Sowjetischen Sektor und die Sowjetische Besatzungszone frankiert werden durften. Zum Schaden der Post wurden für DM (Ost) erworbene Marken wieder in die BI-Zone gebracht und dort gegen DM (West) verkauft - ein unhaltbarer Zustand.

Auf Befehl der Westalliierten begann am 25. Juni 1948 in den Westsektoren um 7 Uhr der Umtausch der Reichsmark in Deutsche Mark. Am Sonnabend, 25., und Sonntag, 26., waren die Umtauschstellen von 7 bis 22 Uhr und am Montag, 27.06., von 7 bis 13 Uhr geöffnet. General Lucius D. Clay (1897 bis 1978), der US-Militärgouverneur, befahl die Einrichtung einer Luftbrücke, der „Operation Vittles“, zur Versorgung der deutschen Zivilbevölkerung in den Westsektoren.

Am 26. Juni 1948 stellte US-Präsident Harry S. Truman (1884 bis 1972) die von General Lucius D. Clay improvisierte Luftbrücke auf eine Erfolg versprechende Basis.

Am 26. August 1948 traf sich die Bevölkerung zwischen dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor zu einer spontanen Kundgebung, um gegen die Verhinderung einer Stadtverordnetenversammlung durch die kommunistischen Stadtverordneten im Berliner Stadthaus zu protestieren.

Für den 1. September 1948, 11 Uhr, wurde der Parlamentarische Rat nach Bonn einberufen. Nach der Eröffnung der konstituierenden Sitzung im Museum Alexander Koenig durch Karl Arnold (1901 bis 1958) (CDU) (Mi Bund 2173), den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, trafen sich die Abgeordneten zu ihrer ersten Sitzung in der Pädagogischen Akademie, dem späteren Bundeshaus. Konrad Adenauer (1876 bis 1967) (CDU) wurde zum Präsidenten, Adolf Schönfelder (1875 bis 1966) (SPD) zum 1. Vizepräsidenten und Carlo Schmid (SPD) zum Vorsitzenden des Hauptausschusses gewählt. Bereits um 15 Uhr wurden in der Pädagogischen Akademie mit der ersten Plenarsitzung die Beratungen aufgenommen. Das Postamt Bonn richtete für die Dauer der Beratungen des Parlamentarischen Rates ein Sonderpostamt sowie Annahmestellen mit öffentlichen Fernsprechern am Römerplatz und Kaiserplatz ein. Das Sonderpostamt war eine Amtsstelle des Postamtes Bonn 3 und führte keinen Sonderstempel.

Im Zeichen der Blockade und der Spaltung des Stadtverordnetenversammlung hielt am 9. September 1948 vor dem Reichstagsgebäude auf dem Platz der Republik der damalige Oberbürgermeister Ernst Reuter (1889 bis 1953) (SPD) (Mi Berlin 115, 165 und 846) vor 350.000 Menschen eine historische Rede: "Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt. Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt, denn wir wissen, worum es heute bei den Verhandlungen im Kontrollratsgebäude (Mi Berlin 116) geht. In allem diesem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner kein Tauschobjekt sein ... Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und preisgeben könnt!"

Unterdessen blieb die Frage aktuell, wo die künftige Hauptstadt eines westdeutschen Staates sein sollte, denn Berlin schied wegen des Viermächtestatus aus. So legte am 27. Oktober 1948 die Stadt Bonn eine aufwendig gestaltete Bewerbungsmappe als Bundeshauptstadt vor, die Karl Arnold, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, vor dem Ältestenrat des Parlamentarischen Rates erläuterte.

Am 5. November 1948 intervenierte die Stadt Frankfurt am Main beim Parlamentarischen Rat mit einer Denkschrift, während bereits am 8. November 1948 die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, federführend war Hermann Wandersleb, die Argumente der Stadt Frankfurt am Main mit einer Gegenüberstellung der Vorzüge Bonns zu entkräften suchte.

Seit dem 1. Dezember 1948 mussten im Vereinigten Wirtschaftsgebiet alle Postsendungen mit der Zwangszuschlagmarke „Notopfer Berlin“ zu 2 Pf (Mi Bi-Zone Zwangszuschlagmarken ab 1) versehen werden. Über abgabenfreie Sendungen informiert der Michel-Deutschland-Spezial. Sendungen nach Berlin, in die Sowjetische Besatzungszone und in das Ausland waren ausgenommen.

Am 9. Dezember 1948 erschien im Vereinigten Wirtschaftsgebiet zur Linderung der Not der Bevölkerung im freien Teil Berlins eine Sonderpostwertzeichenserie mit Zuschlag „Helft Berlin“ zu 10+5 und 20+10 Pf (Mi Bi-Zone 101-102). Durchweg wurden Postsendungen mit diesen Marken von der Deutschen Post in der Sowjetischen Besatzungszone zurückgewiesen.

Vom 28. Dezember 1948 an mussten in den Westsektoren bestimmte Postgebühren, z.B. die Einschreibgebühr bei Sendungen in die westlichen Besatzungszonen, in DM (West) bezahlt werden, obwohl die Frankatur nur mit Postwertzeichen in DM (Ost) vorgenommen werden konnte. Auch in den Ländern der französischen Zone wurde 10. Januar 1949 die Zwangszuschlagmarke „Notopfer Berlin“ eingeführt. Von der Magistratsverwaltung für Post- und Fernmeldewesen für die Westsektoren wurden am 20. Januar 1949 vier Postwertzeichen mit rotem Aufdruck „Berlin“ zu 10, 15, 20 und 60 Pf (Mi Berlin 24, 25, 26, 31) ausgegeben, die nur gegen DM (West) abgegeben wurden. Vom 11. März 1949 an wurde in der Verkehrsbeziehung zwischen den Westsektoren und den Westzonen z.B. die Einschreibgebühr von 60 Pf auf 40 Pf herabgesetzt, die mit Postwertzeichen in DM (West) frankiert werden musste. Pakete bis 7 kg in die westlichen Besatzungszonen wurden zulässig. Am 20. März 1949 kam in den Westsektoren das erste Postwertzeichen mit einem eigenen Berlin-Motiv 1 Pf „Brandenburger Tor“ der Dauerserie „Berliner Bauten“ (Mi Berlin 42) an die Schalter.

Am 21. März 1949 erklärten die westlichen Alliierten für ihre Sektoren die DM (West) zum alleinigen Zahlungsmittel. Am gleichen Tag erschienen die übrigen zehn Stufen der Dauerserie mit rotem Aufdruck „Berlin“ (Mi Berlin 21-23, 27-30, 32-34). Um eine Zurückweisung von Postsendungen aus den Westsektoren in die Sowjetische Besatzungszone zu verhindern, nahmen viele Postkunden sog. „Doppelfrankaturen“ vor.

Vom 1. April 1949 an waren in den Westsektoren nur noch die Dauermarken mit rotem Aufdruck „Berlin“ (Mi Berlin 21-34) sowie die Dauermarke „Brandenburger Tor“ der Berliner Bauten (I) zu 1 Pf gültig (Mi Berlin 47). Erst am 9. April 1949 erschien anlässlich des 75jährigen Bestehens des Weltpostvereins (UPU) in den Westsektoren eine erste Sonderpostwertzeichenserie mit sieben Marken (Mi Berlin 35-41).

Ende April 1949 war die Hauptstadtkommission des Parlamentarischen Rates zu einem Ergebnis gekommen: Bonn oder Frankfurt am Main neben Kassel und Stuttgart. Kurt Schumacher (1895 bis 1952) (SPD) (Mi Bund 738, 1824) favorisierte Frankfurt am Main, Konrad Adenauer (CDU) wie auch die Berliner Sozialdemokraten, Ernst Reuter, Otto Suhr (1894 bis 1957) (Mi Berlin 181) und Paul Loebe (1875 bis 1967) waren für Bonn.

Die Mai-Kundgebung in Berlin stand am 1. Mai 1949 ganz im Zeichen der Luftbrücke, worauf auch der Sonderstempel hinwies.

Am 7. Mai 1949 kamen in den Westsektoren weitere Dauermarken „Berliner Bauten“ an die Schalter, u.z. zu 4, 5, 6, 8, 10, 25, 40, 60, 80 und 90 Pf (Mi Berlin 43-47, 50, 52, 54-56). Vier Jahre nach der Kapitulation der Wehrmacht, gab die Magistratsabteilung für Post- und Fernmeldewesen erstmals in Deutschland ein Postwertzeichen mit der Abbildung des Reichstagsgebäudes zu 6 Pf heraus (Mi Berlin 45). Das Porto für die Drucksache bis 20 g im Inland betrug in den Westsektoren noch bis 31. Mai 1949 6 Pf. Vom 1. Juni 1949 bis 30. Juni 1954 war die 6-Pf-Marke Einzelfrankatur für die Drucksache von 20 bis 50 g im Inland. Ihre Gültigkeit endete am 31. Dezember 1958. Am 2. Juli 1949 erschien im Rahmen der gleichen Serie ein weiterer Wert zu 50 Pf mit der Abbildung des Reichstagsgebäudes. In der ursprünglichen Konzeption dieser Serie waren zum Teil andere Wertstufen geplant, das Reichstagsgebäude war aber von Anfang an als Bild nur auf den Werten zu 6 und 50 Pf vorgesehen.

Nach langen Wochen der Beratungen traten am 8. Mai 1949, vier Jahre nach dem Zusammenbruch der NS-Tyrannei, die Mitglieder des Parlamentarischen Rates zur Abstimmung über die einzelnen Artikel des Grundgesetzes zusammen. Mit 53 gegen 12 Stimmen wurde das Grundgesetz angenommen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1949 stimmte der Parlamentarische Rat über die Hauptstadtfrage ab und bestimmte Bonn mit 33 gegen 29 Stimmen für Frankfurt am Main bei drei Enthaltungen zur vorläufigen Bundeshauptstadt, eine Entscheidung, die am 3. November 1949 vom Deutschen Bundestag bestätigt wurde.

Am 12. Mai 1949 genehmigten die westalliierten Militärgouverneure das Grundgesetz. Am gleichen Tag hob die UdSSR die Blockade des freien Teils von Berlin zwar auf, aber die deutsche Teilung schien auf unabsehbare Zeit unumkehrbar zu sein und fand am 7. Oktober 1949 ihren Ausdruck in der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, dem ersten und hoffentlich letzten "Arbeiter- und Bauernstaat" auf deutschem Boden.

Am 13. Mai 1949 erschien zu den Wahlen des 3. Volkskongresses in der Sowjetischen Besatzungszone ein Sonderpostwertzeichen zu 24 Pf (Mi SBZ 232 a), eine weitere Auflage in geänderter Farbe am 5. Juni 1949 ohne und mit Aufdruck (Mi SBZ 232 b und 233 b).

Vom 18. bis 21. Mai 1949 wurde das Grundgesetz von den Ländern ratifiziert, nur der Freistaat Bayern lehnte das Grundgesetz ab, weil es die Eigenständigkeit der Länder zu wenig betonte.

Durch den Streik der Eisenbahner der Deutschen Reichsbahn wurde vom 20. Mai bis 18. Juni 1949 die Post aus den Westsektoren wieder über die Luftbrücke abgeleitet.

Zur Tagung des 3. Volkskongresses vom 29. bis 30. Mai 1949 erschien in der Sowjetischen Besatzungszone ein Sonderpostwertzeichen zu den Wahlen zum 3. Volkskongress mit schwarzem Überdruck (Mi SBZ 233 a).

In einer Feierstunde im Zoologischen Museum Koenig in Bonn wurde am 23. Mai 1949 von den Ministerpräsidenten und den Landtagspräsidenten das Grundgesetz unterzeichnet und vom Präsidenten des Parlamentarischen Rates, Konrad Adenauer, verkündet. Dazu wurde in Bonn ein Sonderstempel (Tagesstempel mit Zusatztext) geführt wurde: "(22c) Bonn / Parlamentarischer Rat / Verkündung des Grundgesetzes". Der Sonderstempel mit einer Beschädigung des Stempelkreises wurde beim Postamt Bonn 1, der ohne Beschädigung beim Sonderpostamt im Museum Koenig abgedruckt. Um 0 Uhr des folgenden Tages wurde das Grundgesetz geltendes Recht: Die Bundesrepublik Deutschland war gegründet.

 
 
 
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