Vom Reichstag zum Bundestag in Berlin
 
 

Historischer Schauplatz „Reichstagsgebäude“ 1919 bis 1933, 1933 bis 1945
 

Im Herbst 1919 nahm der Reichstag in Berlin in einer durch Unruhen und Straßenkämpfe schwer erschütterten Republik seine Arbeit auf. Seine Geschicke wurden in schwerer Zeit von 1920 bis 1933 durch Reichstagspräsident Paul Loebe (1875 bis 1967) (SPD) (Mi Berlin 515) geführt. Als Berliner Abgeordneter war er auch Alterspräsident der konstituierenden Sitzung des 1. Deutschen Bundestages in Bonn und später noch viele Jahre Präsident des Kuratoriums „Unteilbares Deutschland“.

Die Nationalversammlung vom 19. Januar 1919 hatte 421 Abgeordnete, der 1. Reichstag vom 6. Juni 1920 459, der 2. Reichstag vom 4. Mai 1924 472, der 3. Reichstag vom 7. Dezember 1924 493, der 4. Reichstag vom 20. Mai 1928 491 und der 5. Reichstag vom 14. September 1930 577 Abgeordnete.

Persönlichkeiten wie Heinrich Brüning (1885 bis 1970) (Zentrum), Elisabeth Lüders (1879 bis 1966) (DDP), Theodor Heuss (1884 bis 1963) (DDP), Gustav Stresemann (1878 bis 1929) (DVP), Otto Braun (1872 bis 1955) (SPD), Hans Böckler (1875 bis 1951) (SPD), Rudolf Breitscheid (1874 bis 1944) (SPD), Julius Leber (1891 bis 1945) (SPD), Otto Grotewohl (1894 bis 1964) (SPD), Kurt Schumacher (1895 bis 1963) (SPD), Fritz Heckert (1884 bis 1936) (KPD), Wilhelm Pieck (1876 bis 1960) (KPD), Ernst Thälmann (1886 bis 1944) (KPD), Walter Ulbricht (1893 bis 1973) (KPD) und Clara Zetkin (1857 bis 1933) (KPD) waren Mitglieder des Reichstages in der Weimarer Republik. Bis auf Heinrich Brüning und Otto Braun wurden alle Genannten mehrfach auf Postwertzeichen geehrt. Von 1919 bis 1944 war im Reichstagsgebäude ein Postamt geöffnet. Es wurde ein Zweikreis-Tagesstempel mit Datumssteg „Berlin NW / Reichstag“, Durchmesser 27mm, geführt. Das Postamt war an das Rohrpostnetz angeschlossen. Interessant ist auch, dass das Reichstagsgebäude als Tagungsort für Republik nahe Veranstaltungen offen war. So ist vom 5. Oktober 1929 ein Sonderstempel „Berlin NW Reichstag / 20. Deutscher Turnertag“ belegt.

Am 3. Oktober 1929 starb in Berlin Gustav Stresemann (Mi Bund 871, Bl 11). Der Syndikus war von 1907 bis 1912 und von 1914 bis 1918 nationalliberaler Abgeordneter des Reichstages. Im November 1918 gründete er die rechtsliberale Deutsche Volkspartei (DVP), nachdem die Deutsche Demokratische Partei wegen ihm eine Fusion der Fortschrittler und Nationalliberalen abgelehnt hatte. Er war Mitglied der Nationalversammlung und von 1920 bis 1929 Abgeordneter des Reichstages. Vom 13. August bis 23. November 1923 war in zwei Kabinetten Reichskanzler. Vom 13. August 1923 bis 3. Oktober 1929 übte er als Außenminister maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung der deutschen Politik aus. 1923 beendete er den Ruhrkampf und schuf durch die Annahme des Dawes-Plans (Sicherung der Reparationsleistungen) und am 16. Oktober 1925 mit dem Abschluss des Locarno-Vertrages (Garantie der deutschen Westgrenze, Entmilitarisierung der Rheinlandes, deutsch-polnischer Gewaltverzicht) die Grundlagen der Verständigungspolitik, deren Höhepunkt am 8. September 1926 die Aufnahme des Deutschen Reiches in den Völkerbund war. Schon bald hatte das Deutsche Reich einen Sitz im Volksrat. Kerngedanke seiner Außenpolitik war die Aussöhnung mit Frankreich. Der französische Politiker Aristide Briand (1862 bis 1932) und er wurden am 10. Dezember 1926 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Trotz erheblicher Bemühungen erlebte er nicht mehr die vorzeitige Räumung des Rheinlandes. Erst posthum gelang im März 1930 sein Vorhaben durch die umstrittene Annahme des Young-Plans (Regelung der Reparations-frage)(Mi DR 444-445).

Am 9. Dezember 1932 fand im Reichstagsgebäude die letzte Sitzung des Reichstages vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten statt.

1933 bis 1945

Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten und rechte Parteien als Regierung der sog. „Nationalen Konzentration“ die Macht übernahmen, war vielen bereits klar geworden, dass im Deutschen Reich die Zeit des Parlamentarismus zu Ende war.

Viele Künstler und Wissenschaftler verstanden sehr schnell, was von den neuen Machthabern zu halten war. Am 16. Februar 1933 legte Heinrich Mann (1871 bis 1950) (Mi DDR 1645) sein Amt als Präsident der Sektion Dichtung der Akademie der Künste nieder, am 10. Mai 1933 trat einer der bedeutendsten deutschen Maler des 19./20. Jahrhunderts, der Hauptvertreter des deutschen Impressionismus, Max Liebermann (1847 bis 1935) (Mi Bund 987, Berlin 424, 434), aus der Akademie der Künste aus.

Nach der „Verordnung zum Schutz des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 ging in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 ein großer Teil des Reichstagsgebäudes in Flammen auf. Der Plenarsaal und viele andere Räume wurden eingeäschert. Am Tatort wurde der angebliche Brandstifter, der niederländische Kommunist Marinus van der Lubbe, festgenommen (auch Mi DDR 893-894, 1102, 1784, 2708, Bl 68). Auf Betreiben von Reichskanzler Adolf Hitler (1889 bis 1945) (Mi DR 781-802 u.a.) erließ noch am gleichen Tag Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847 bis 1934) (Mi DR 403-406, 411, 414, 416, 418, 420, 422, 437, 445, 454, 466, 467-473, 482-495, 512-528, 548-553, 557) eine Notverordnung zum „Schutz von Volk und Staat“, die „zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte“ die Grundrechte außer Kraft setzte. Selbst der weltbekannte und hochgeschätzte Publizist, Carl von Ossietzky (1889 bis 1938) (Mi Bund 872, Berlin 851, DDR 1051, 3231), Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“, kam nach dem Reichstagsbrand in Gestapo-Haft und dann in das Konzentrationslager Papenburg-Esterwegen. Noch in der KZ-Haft wurde ihm 1935 der Friedensnobelpreis verliehen. 1938 starb der Nobelpreisträger an den Folgen erlittener Mißhandlungen im Konzentrationslager in einer Berliner Klinik.

Nachdem am 1. Februar 1933 der Reichstag aufgelöst worden war, wurde am 5. März 1933 vom Volk ein neuer Reichstag gewählt. Vielerorts war es keine freie Wahl mehr, weil die Wähler durch SA-Leute eingeschüchtert wurden. Die NSDAP und die Kampffront „Schwarz-Weiß-Rot“ erhielten 51,9% der Stimmen.

In einem „feierlichen Staatsakt“ konstituierte sich am 21. März 1933 der neue „Reichstag“ in der Garnisonskirche zu Potsdam, woran sich die erste Sitzung des „Reichstages“ in der Kroll-Oper anschloss. Am Morgen hatten die Feierlichkeiten mit Festgottesdiensten für die protestantischen Abgeordneten in der Nikolaikirche (Mi Bund 1680) und für die katholischen in der Stadtkirche zu Potsdam begonnen. Der Staatsakt, der ein „neues Reich“ - das Dritte - beschwören sollte, fand am Jahrestag der Konstituierung des 1. Reichstages im Weißen Saal des Berliner Schlosses durch Otto von Bismarck statt. Das Postamt Potsdam 1 führte in der Briefstempelmaschine einen Einkreis-Tagesstempel mit dem Zusatz „Reichstagseröffnung“.

Am gleichen Tage wurden die „Verordnung zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der Nationalen Erhebung“ erlassen und Sondergerichte gebildet. In Oranienburg bei Berlin wurde das Konzentrationslager der Standarte 208 der SA eröffnet, in dem Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler und jüdische Mitbürger inhaftiert waren, gequält und ermordet wurden. Unter den Häftlingen war auch der Sohn des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert jun. (1894 bis 1979), der spätere Oberbürgermeister von Berlin (Ost) (Mi DDR 2849).

Am 23. März 1933 wurde das sog. „Ermächtigungsgesetz“ bei 444 Ja- und 94 Nein-Stimmen erlassen, das die Grundrechte aufhob und die Rechte des Reichstages auf Adolf Hitler übertrug. Am Tage der "Beratungen" über das Ermächtigungsgesetz wurden im Reichstagsgebäude bewaffnete Kräfte der nationalsozialistischen Schlägertrupps eingesetzt, um die Abgeordneten der anderen Parteien einzuschüchtern. Der Reichstagsabgeordnete Otto Wels (1873 bis 1939) (SPD) (Mi Bund 780) gab für die Sozialdemokraten die Verweigerungserklärung ab, ehe die sozialdemokratischen Abgeordneten wegen Gewaltanwendung aus der Kroll-Oper flohen. Der Regierung war nun eine Gesetzgebung ohne die Mitwirkung von „Reichstag“ und „Reichsrat“ möglich.

Am 31. März 1933 wurden die Länder durch das „Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“, am 7. April 1933 durch das „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“ und am 30. Januar 1934 durch das „Gesetz über den Neuaufbau des Reiches“ beseitigt. Am 14. Februar 1934 folgte die Aufhebung des „Reichsrates“.

Nachträglich gab am 12. April 1933 die Deutsche Reichspost eine Serie mit drei Sonderpostwertzeichen und einer Sonderganzsache zur konstituierenden Sitzung des Reichstages heraus. Die Marken zeigen das Kopfbild von König Friedrich dem Großen von Preußen (1712 bis 1786) (Mi Bund 1292, Berlin 764) im Medaillon (Mi DR 479-481, P 248).

Nachdem am 24. April 1933 der 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ erklärt worden war, besetzte am 2. Mai 1933 die SA alle Gewerkschaftshäuser. Viele Gewerkschaftler wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Statt der Gewerkschaften wurde am 10. Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront (DAF) „Dachorganisation“ „aller Schaffenden“.

Auf dem Opernplatz in Berlin (Mi 1625, DDR 492, 1435) verbrannten am 10. Mai 1933 die Nationalsozialisten 20.000 sog. „undeutsche Bücher“. Joseph Goebbels (1897 bis 1945) (NSDAP) hatte diese „Aktion wider den undeutschen Geist“ veranlasst. In Anwesenheit einer aufgeputschten Menge wurden Werke von Autoren wie Lion Feuchtwanger (1884 bis 1958) (Mi DDR 1945), Erich Kästner (1899 bis 1974) (Mi Bund 2035), Heinrich Mann, Nobelpreisträger Thomas Mann (1875 bis 1955) (Mi Bund 237, 961, DDR 534, 2026), Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) (Mi Berlin 748, DDR 1536), Franz Werfel (1890 bis 1945) (Mi 1813), Arnold Zweig (1887 bis 1968) (Mi DDR 2199, 3092) und vieler anderer auch international bedeutender Schriftsteller ein Opfer der Flammen und der Barbarei.

Am 26. Mai 1933 wurde die KPD zerschlagen, am 22. Juni 1933 die SPD aufgelöst und mehrere tausend Sozialdemokraten verhaftet. Die übrigen Parteien lösten sich selbst auf: Die Deutschnationale Front (die ehemalige DNVP) am 27. Juni 1933, die Deutsche Staatspartei am 28. Juni 1933, die Deutsche Volkspartei und die Bayrische Volkspartei am 4. Juli 1933 und das Zentrum am 5. Juli 1933. Während der sog. „Köpenicker Blutwoche“ vom 21. bis 26. Juni 1933 wurden 91 Mitglieder von KPD und SPD verfolgt und ermordet. Durch das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“ blieb als einzige Partei die NSDAP übrig. Die wenigen sog. "Reichstagssitzungen", darunter auch die Sitzungen des „Großdeutschen Reichstages“ am 6. Oktober 1939, 19. Juli 1940 und 26. April 1942, fanden in der Kroll-Oper statt.

Im Reichstagsgebäude fand vom 6. November 1937 bis 9. Januar 1938 die sog. „Große Bolschewistische Ausstellung ´Bolschewismus ohne Maske`“ und vom 12. November 1938 bis 13. Januar 1939 die in ihrer Menschenverachtung nicht zu überbietende Ausstellung „Der ewige Jude“ statt. Beide NS-Propagandaveranstaltungen können mit Sonderstempeln ohne und mit Minutenangabe für Rohrpostsendungen belegt werden.

Am 1. September 1939 griff das Deutsche Reich die Republik Polen an und gliederte die Freie Stadt Danzig widerrechtlich in das deutsche Staatsgebiet (Mi DR 714-715, 716-729) ein. Am 3. September 1939 traten Großbritannien und Frankreich aufgrund ihrer Bündnisverpflichtungen gegenüber der Republik Polen in den Krieg gegen das Deutsche Reich ein.

Als noch die letzten Gefechte gegen die Republik Polen im Gange waren, machte Adolf Hitler am 6. Oktober 1939 im Großdeutschen Reichstag den Westmächten, Großbritannien und Frankreich, auf der Basis der Anerkennung der vollzogenen Eroberung und Teilung Polens mit der UdSSR ein sog. „Friedensangebot“, das die Westmächte am 12. Oktober 1939 ablehnten. Am 19. Juli 1940 wandte sich Adolf Hitler vor dem „Großdeutschen Reichstag“ mit einem sog. „Friedensappell“ wieder an Großbritannien, der am 22. Juli abgelehnt wurde. Die letzte Sitzung des „Großdeutschen Reichstages“ war am 26. April 1942, in der sich Adolf Hitler Vollmachten als „oberster Gerichtsherr“ bestätigen ließ. Am 18. Februar 1943 verkündete der sog. „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“, Joseph Goebbels, im Berliner Sportpalast vor einer aufgehetzten Menge den „totalen Krieg“.

Sowjetische Truppen nahmen nach verlustreichen Kämpfen am 30. April 1945 von der Moltkebrücke her das Reichstagsgebäude ein, das bereits 1933 seine Funktion verloren hatte. Michail Jegorow und Milton Kantarija hissten gegen 22.50 Uhr auf dem Reichstagsgebäude die Flagge der UdSSR (Mi DDR 1109, 1569, 2042, Bl 42) und bald gingen in Berlin die Uhren nach Moskauer Zeit. In die Wände des Reichstagsgebäudes ritzten Rotarmisten ihre Namen, Initialien oder Sprüche ein.

 
 
 
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