Vom Reichstag zum Bundestag in Berlin
 
 

Von der Monarchie zur Republik
 

Schon lange gärte es besonders unter den Matrosen der kaiserlichen Marine (Mi DDR 1310), als es im Sommer 1917 zu Unruhen kam: Max Reichpietsch (1894 bis 1917) (Mi DDR 1308), Obermatrose auf dem Großlinienschiff „Friedrich der Große“, und Albin Köbis (Mi DDR 1309), Heizer auf dem Großlinienschiff „Prinzregent Luitpold“, wurden in Wilhelmshaven als Rädelsführer der Meuterei in der Kaiserlichen Flotte zum Tode verurteilt und am 5. September 1917 auf dem damaligen Schießplatz in Wahn bei Köln erschossen. In der DDR wurden die beiden Marineangehörigen als Märtyrer des Sozialismus verehrt. Die Bundeswehr errichtete den beiden mutigen Soldaten auf dem Gelände des heutigen Luftwaffenamtes in Köln-Porz Wahn einen Gedenkstein: Unter den Worten „Unseren Kameraden“ sind in zwei Halbreliefs ihre Kopfbüsten dargestellt.

Noch im Oktober 1918 wollte keine der Parteien im Reichstag - mit Ausnahme der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) - weder eine Revolution noch die Abschaffung der Monarchie, obwohl eine immer größer werdende Friedenssehnsucht in der Bevölkerung die Abdankung des Kaisers forderte. Am 29. Oktober 1918 reiste Wilhelm II., ohne Rücksprache mit Reichskanzler Maximilian Prinz von Baden (1867 bis 1929) genommen zu haben, zum Hauptquartier der Obersten Heeresleitung nach Spa, um sich dem Wandel in der Heimat zu entziehen. In Spa gab es ein deutsches „Postamt Spa / Waffenstillstandskommission“. Der Kaiser stand als Gesprächspartner für anstehende politische Veränderungen nicht mehr zur Verfügung, worauf die Marineführung ohne Abstimmung mit der Reichsregierung befahl, am 29. Oktober 1918 in Richtung Themsemündung auszulaufen. Dieses Unternehmen unterlief nicht nur die Friedenspolitik des Reichskanzlers, der noch vom Kaiser ernannt worden war, sondern war auch nach Auffassung von Marineexperten ohne jeglichen Sinn. Viele Matrosen (Mi DDR 1308-1310) erkannten sofort, dass sie von der Führung unmittelbar vor Ende des verlorenen Krieges noch in ein Himmelfahrtskommando geschickt werden sollten (Mi Bund 586, 1768). Am 29. und 30. Oktober 1918 löschten die Heizer die Feuer unter den Kesseln der Kriegsschiffe wie auf SMS Thüringen und zerstörten die Ankerlichtmaschinen, um das Auslaufen der Schiffe zu verhindern. Darauf musste die Marineführung ihren Angriffsplan gegen Großbritannien fallen lassen. Aus Entrüstung ließ sie tausend Meuterer verhaften, um sie als Befehlsverweigerer durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilen zu lassen. Darauf wählten die Matrosen am Morgen des 4. November 1918 Soldatenräte und entwaffneten die Offiziere. Der Militärgouverneur von Kiel wurde gezwungen, die tausend gefangenen Matrosen freizulassen. Alle militärischen Dienststellen wurden von Marinesoldaten besetzt. Hamburger und Lübecker Heereseinheiten, die den Aufstand niederschlagen sollten, wurden auf den Bahnhöfen entwaffnet und solidarisierten sich mit ihren Marinekameraden. Aus Furcht, von heranrückenden Truppen eingeschlossen zu werden, und aus Sorge um die noch inhaftierten Kameraden trugen die Matrosen die Bewegung über Kiel hinaus und lösten innerhalb weniger Tage vielerorts eine revolutionäre Bewegung aus, die von den Kasernen auf die Fabriken übersprang. Soldaten- und Arbeiterräte übernahmen die Macht (Mi DDR 1417-1419), MSPD und USPD setzten sich an die Spitze der Rätebewegung, um sie in geordnete Bahnen zu lenken.

Am 7. November 1918 war in Bayern die monarchistische Verfassung vom Oktober 1918 bereits überholt: Die Wittelsbacher verließen ihre Münchener Residenz, die bayrische USPD-Führung unter Kurt Eisner (1867 bis 1919) , eigentlich Kosmanowski, rief die Republik aus und Ludwig III. (1845 bis 1921), König seit 1913, dankte ab (Mi Bayern ab 116 A, Dienst ab 30 x, DR 119-133). Allen übrigen deutschen Herrscherhäusern ging es nicht anders. Die Friedensbewegung hatte sich zur Volksbewegung gegen die längst überkommene Obrigkeit gewandelt, wobei die wenigsten wussten, wie es eigentlich weitergehen sollte.

Als am 9. November 1918 in Berlin der Generalstreik ausgerufen wurde, schien dieser zunächst auch von der (Mehrheits) sozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD) mitgetragen zu werden. Sie fürchtete, die Kontrolle über die Revolution (Mi DDR 662, 672, 1308-1310, 1417-1419) zu verlieren, und erklärte den Austritt aus der Reichsregierung. Unterdessen bemühte sich in letzter Minute Reichskanzler Max von Baden, die Monarchie zu retten. Aber Wilhelm II. lehnte seinen Vorschlag, den Thron einem Regenten zu übergeben, ab.

Gegen 11.30 Uhr gab der Reichskanzler daher eigenmächtig die Entsagung des Thrones durch Kaiser und Kronprinz bekannt. Um die Mittagsstunde kam Friedrich Ebert (1871 bis 1925) (MSPD) (Mi DR 410, 412, 413, 415, 417, 419, 421, 435, 436, 444, 465, Bund 659, 2101) mit politischen Weggefährten in der Reichskanzlei zusammen und forderte vom Reichskanzler die Übertragung der Regierungsgeschäfte.

Gegen 14 Uhr trat Philipp Scheidemann (1865 bis 1939) (MSPD), Staatssekretär im Kabinett von Reichskanzler Max von Baden an das zweite Fenster links neben dem Westportal des Reichstagsgebäudes (Mi Bund 421,1287,1536, Neuausgabe vom 3. September 2009, Berlin 46, 53, 236, 515, DDR 1109, 1569, 2042, Block 42), verkündete das Ende der Herrschaft der Hohenzollern und rief die „deutsche Republik“ aus. Ebert war entsetzt, weil er die Bestimmung der künftigen Staatsform einer Verfassung gebenden Nationalversammlung überlassen wollte.

Gegen 16 Uhr rief Karl Liebknecht (1871 bis 1919) (USPD) (Mi SBZ 229, DDR 294, 472, 675, 1155, 1419 und 1650), Führer des Spartakus-Bundes (Mi DDR 1154-1155, Bl 25), vom Balkon des Stadtschlosses (Mi Berlin 221, DDR 2890, Bl 77), von dem sich Friedrich Wilhelm IV. (1795 bis 1861) vor den März-Gefallenen des Jahres 1848 verbeugen musste, die „freie sozialistische Republik Deutschland“ aus. Er forderte die Abschaffung des Kapitalismus und die Herrschaft des Proletariats mit dem Endziel der Weltrevolution. Nach der Sprengung des Schlosses durch die DDR wurden Portal und Balkon in die Front des Staatsratsgebäudes der DDR (Mi DDR 2890, Block 77) eingefügt.

Unterdessen dauerten die Kämpfe an der Westfront an, obwohl der Krieg schon längst entschieden war. Am 8. November 1918 nahm die noch von Reichskanzler Max von Baden entsandte Delegation des Deutschen Reiches im Wald von Compiègne bei Paris, wo sich das Hauptquartier von Marschall Ferdinand Foch (1851 bis 1929), dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Frankreich, befand, die Bedingungen der Alliierten für einen Waffenstillstand entgegen (Frankreich Mi 931). Obwohl der Leiter der deutschen Delegation, Matthias Erzberger (1875 bis 1921) (Zentrum) (Mi 865), bis zum Schluss auf ein Entgegenkommen der Alliierten gehofft hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als am Morgen des 11. November 1918 das Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen. Alle gefangenen Marinesoldaten wurden aus der Haft entlassen.

Ebert versuchte zwischen den Positionen der MSPD und der USPD zu vermitteln. Am Morgen des 10. November 1918 bildeten MSPD und USPD ein sog. „entscheidendes Kabinett“ mit den bisherigen Fachministern als Gehilfen. Otto Wels (1873 bis 1939) (MSPD) (Mi Bund 780) wurde zum Stadtkommandanten von Berlin ernannt.

In den folgenden Tagen ging in der Reichshauptstadt das Ringen um die politische Zukunft des Reiches weiter, denn die Volksbeauftragten der MSPD sahen sich als seine Konkursverwalter. MSPD und USPD waren sich einig, dass ein Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte schon in der nächsten Zukunft über die Einberufung einer Nationalversammlung entscheiden sollte. Im Abgeordnetenhaus von Preußen trat dann vom 16. bis 21. Dezember 1918 der 1. Allgemeine Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte zusammen. Zwei politische Entwürfe standen zur Diskussion: Wahlen zur Nationalversammlung mit dem Ziel einer parlamentarischen Demokratie oder eine Räterepublik. In Anbetracht der Mehrheit der MSPD wurde beschlossen, bereits am 19. Januar 1919 Wahlen zu einer Verfassung gebenden Nationalversammlung durchzuführen.

Der Gegensatz zwischen der MSPD und USPD verschärfte sich in diesen Tagen immer mehr und schließlich kam es in den Weihnachtstagen zum Bruch innerhalb der politischen Linken. Am 29. Dezember 1918 trat die USPD aus dem am 9. November 1918 von MSPD und USPD gebildeten Rat der Volksbeauftragten aus. Auf Betreiben des Spartakusbundes (Mi DDR 251-255, 322-326, 342-343, 443-444, 622 a/b-623, 673, 784 A/B, Bl 16, 807, 1417, 2106, 3011) und anderer Gruppen wurde am 1. Januar 1919 unter Anwesenheit des sowjetischen Deutschland-Beauftragten Karl Bernhardowitsch Radek (eigentlich Sobelson) (1885 bis 1939) die Revolutionäre Kommunistische Arbeiterpartei (später KPD) (Mi DDR 672) gegründet, die von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (1870 bis 1919) (Mi Bund 794, DDR 229, 478, 1155, 1651) geführt wurde. Als am 4. Januar 1919 der Polizeipräsident von Berlin, Emil Eichhorn (1863 bis 1925) (USDP), der die Radikalen und nicht die Regierung schützte, entlassen wurde, verschärfte sich der Straßenkampf erneut. Die Linksradikalen - Spartakisten, revolutionäre Obleute und der linke Flügel der USPD - wollten bis zum Sturz der Regierung von Ebert und Scheidemann weiter kämpfen und die Nationalversammlung verhindern, um schließlich doch noch die Räterepublik durchzusetzen. Das Zeitungsviertel der Reichshauptstadt, wo die Radikalen agierten, wurde von den Freiwilligenverbänden Gustav Noskes (1868 bis 1946) (MSPD), der nach dem Ausscheiden der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten das Wehrressort übernommen hatte, gestürmt. Die Ordnung in Berlin war am 13. Januar 1919 wiederhergestellt, aber am 15. Januar 1919 ließ er Freikorps unter Führung monarchistischer Offiziere einrücken. Aus den Kreisen der 1. Garde-Kavallerie-Schützendivision kamen die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Am 18. Januar 1919 begann 48 Jahre nach der Proklamation von Wilhelm I. (1797 bis 1888) zum deutschen Kaiser (Mi Bund 658, Berlin 385) im Spiegelsaal von Versailles die nach ihrem Tagungsort so bezeichnete Friedenskonferenz. Mit der deutschen Delegation wurden nur Noten ausgetauscht.

 
 
 
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