Vom Reichstag zum Bundestag in Berlin
 
 

Historischer Schauplatz "Reichstagsgebäude" 1871 bis 1918
 

Am 18. Januar 1871 wurde das Deutsche Reich im Spiegelsaal von Versailles unter der Vorherrschaft des Königreiches Preußen gegründet und Wilhelm I. (1797 bis 1888) zum Kaiser proklamiert. Die Verfassung vom 18. April 1871 sah vor, dass der Reichstag in allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl von allen Männern, die das 25. Lebensjahr vollendet hatten, auf drei Jahre gewählt werden sollte. Ab 1890 wurde die Wahlperiode auf fünf Jahre heraufgesetzt. Die Vollmachten des Reichstages waren beschränkt: Ihm oblagen nur das Budgetrecht, also die Bewilligung des Reichshaushalts, und die Gesetzesinitiative im Zusammenwirken mit dem Bundesrat mit 58 Vertretern aus 25 Bundesstaaten. 1911 kam noch das Reichsland Elsass-Lothringen hinzu. Im Laufe der Zeit stieg die Zahl der Abgeordneten des Reichstages von 382 im Jahre 1871 auf 397 1890.

Am 3. März 1871 waren die Wahlen zum 1. Reichstag: Die Nationalliberalen erhielten 125, das Zentrum 61 und die Deutsch-Konservativen 57 Sitze.

Am 21. März 1871 konstituierte sich der 1. Reichstag im Weißen Saal des Berliner Schlosses (Mi Bund USo 23, Berlin 221, DDR Bl 77, 2890). Im Sommer 1871 bezog der Reichstag die in großer Eile umgebaute Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur in der Leipziger Straße 3 mit neuen, aber unzweckmäßigen Räumen. Von 1884 bis 1894 war im Reichstagsgebäude ein Postamt eingerichtet, das der Allgemeinheit aber nicht zugänglich war. Es führte einen Einkreisstempel mit kleinem Segment und der Bezeichnung „Berlin. W / Reichstag“.

Zum Geburtstag von Wilhelm I. kamen am 22. März 1871 in Berlin fast alle deutschen Fürsten mit Ausnahme der Könige von Bayern und Württemberg sowie des Herzogs von Braunschweig zusammen.

1884 begannen nach langen Verhandlungen um den Standort für ein neues Reichstagsgebäude und zwei Wettbewerben die Bauarbeiten am Königsplatz, südöstlich des Spreebogens. Es wurde nach einem mehrfach stark abgeänderten Entwurf des Frankfurter Architekten Paul Wallot (1841 bis 1912) (Mi 1536) im Stil des Eklektizismus mit Rückgriff auf Formelemente der italienischen Hochrenaissance erbaut, die er auf einer Reise nach Italien kennen und schätzen gelernt hatte. In Anwesenheit von Reichskanzler Otto von Bismarck (1815 bis 1898) (Mi 463) legte Kaiser Wilhelm I. am 9. Juni 1884 auf dem Bauplatz östlich des Königsplatzes unweit des Brandenburger Tores den Grundstein.

Am 5. Dezember 1894 wurde das Gebäude durch Kaiser Wilhelm II. (1859 bis 1941) mit dem Schlussstein vollendet. Schon damals wurde der Entwurf von Paul Wallot scharf kritisiert. So schrieb der Berliner Architekt und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852 bis 1932): „Eigentlich ist alles falsch daran, alle Maßstäbe sind verkehrt.“ Das Reichstagsgebäude wurde sogar als „Leichenwagen erster Klasse“ bezeichnet. In der Tat war das monumentale Gebäude mit 11.200 Quadratmetern Fläche über sechs Geschosse und 75 Metern Höhe bis zur Kuppelspitze für die parlamentarische Arbeit mit Fraktionen und Ausschüssen kaum geeignet. Später konnte Wallot, der aus Oppenheim am Rhein stammte, auch noch das Gebäude für den Amtssitz des Reichstagspräsidenten bauen, das gegenüber der Ostfront des Reichstagsgebäudes errichtet wurde. Einen Tag später trat am 6. Dezember 1894 der Reichstag zu seiner ersten Sitzung im neuen Gebäude zusammen.

Führende Köpfe im Reichstag waren Ludwig Windthorst (1812 bis 1891) (Zentrum) (Mi Bund 1510), Matthias Erzberger (1875 bis 1921) (Zentrum) (Mi Bund 865), Konstantin Fehrenbach (1852 bis 1926) (Zentrum), Joseph Wirth (1879 bis 1956) (Zentrum), Wilhelm Marx (1863 bis 1946) (Zentrum), Gustav Stresemann (1878 bis 1929) (Nationalliberale / DVP) (Mi Bund 871), Wilhelm Liebknecht (1826 bis 1900) (SPD) (Mi DDR 477, 2050), August Bebel (1840 bis 1913) (SPD) (Mi Bund 1382, SBZ 215, 227, DDR 330, 341, 473, 2050, 3310), Friedrich Ebert (1871 bis 1925) (SPD) und Hermann Müller (1876 bis 1931) (SPD). Bebel und Liebknecht waren 1866 in Leipzig Mitbegründer der Sächsischen Volkspartei, 1869 in Eisenach Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) (Mi DDR 2050-2051). Sie wurden im Kaiserreich als Sozialisten verfolgt und zu Festungshaft verurteilt. 1891 gründeten die beiden Politiker die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Ihr schloss sich auch Franz Mehring (1846 bis 1919) (Mi DDR 474, 1648), Schriftleiter der Leipziger Volkszeitung, an, der 1916 aber dem Spartakusbund (Mi DDR 1154-1155, Bl 25) beitrat.

Seit 1894 tagte der Reichstag im Reichstagsgebäude, über den Kaiser Wilhelm II. respektlose Bemerkungen im Jargon seiner Zeit wie „Quasselbude“ oder „Reichsaffenhaus“ machte. Während des ersten Weltkrieges wurde am 22./23. Dezember 1916 über dem Westportal des Reichstagsgebäudes die Inschrift "Dem deutschen Volke" (auch Mi Bund 659) angebracht, die der Architekt und Industriedesigner Peter Behrens (1868 bis 1940) gestaltet hatte. Im Auftrag der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), deren Vorstandsvorsitzender ab 1915 Walther Rathenau (1867 bis 1922) (Mi Berlin 93) war, entwarf er 1909 die AEG-Turbinenhalle, ein frühes Beispiel der Glas-Stahl-Architektur (Mi Berlin 774, P 167).

Von 1894 bis 1918 war im Reichstagsgebäude ein nicht öffentlich zugängliches Postamt eingerichtet, das einen Zweikreis-Stempel mit Datumssteg „Berlin N. W. / Reichstag“, Durchmesser 27mm, verwendete.

 
 
 
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